„Entschuldigt die Störung, aber ihr tötet uns“

ARTICLE (German) by Bernadette Weber
Nachzulesen im // Read published version on MEGAPHON März 2020.

“ENTSCHULDIGT DIE STÖRUNG, ABER IHR TÖTET UNS”
Oder: Ein kleines Sandkorn

In Puno, auf viertausend Metern über dem Meer, am Ufer des Titicacasees, widmen sich Dina, Maritza und ihr Team tagtäglich der Verteidigung von Menschenrechten. Das bedeutet einerseits, den Menschen zu erklären, was ihre Rechte überhaupt sind, und andererseits, direkt im Gerichtssaal für sie zu kämpfen. In den meisten Fällen sind diese Menschen Frauen. Denn in Puno ist es oft gefährlich, Frau zu sein. So sehr wie in keiner anderen Region in Peru.

In Lateinamerika bewegt sich etwas. Frauen gehen auf die Straße, vereint, mit erhobenen Schildern und Bannern, auf denen steht “wir möchten uns selbst lebend”. Und “entschuldigt die Störung, aber ihr tötet uns”. Und “wir möchten leben, frei seien und keine Angst haben”. Es sind keine Einzelgängerinnen, es sind immer größer werdende Bewegungen, Organisationen und Netzwerke von Organisationen. Wir kennen sie als Ni una menos („Nicht eine weniger”), und als Un violador en tu camino („Ein Vergewaltiger auf deinem Weg“), Verbindungen, die ihre Nachrichten bis zu uns nach Europa gebracht haben. Vereint kämpfen sie gegen etwas an, was sich viele Regierungen, so heißt es, weder an- noch auszusprechen trauen: Feminicidio. Feminizid – auf Deutsch – ist wenn Frauen sterben müssen, weil sie Frauen sind. Weil sie, aufgrund ihres Geschlechtes, eine Rolle in Beziehungen und in der Gesellschaft einnehmen, in denen ihre alltäglichen Handlungen und menschlichen “Fehltritte” oft mit Gewalt bestraft werden. Gewalt die zum Tod führt. Durch die Hand von Personen, die in vielen Fällen ihre Väter, Brüder und Lebensgefährten sind.

Dina und Maritza kennen den Begriff Feminizid sehr gut. Vor allem aber wissen sie, was er auf praktischer Ebene bedeutet. Die beiden jungen Frauen leben in Puno, einer Region voller Gegensätze, wo der endlos blaue Titicacasee das intensive Sonnenlicht kalt abblitzen lässt. Wo bunte Gewänder die karge, andiene Berglandschaft ausgleichen. Wo Offenheit und Freundlichkeit auf hartes Klima und ebenso harte Lebensbedingungen stoßen. Eine Region, die die “gefährlichste Stadt Perus” beherbergt: Juliaca. Hier, in ihrer Heimatstadt, in der im letzten Jahr die Feminizidfälle wieder gewachsen sind und die, im Bezug auf ihre Einwohnerzahl, die meisten Fälle im ganzen Land überhaupt verzeichnet, kämpfen sie tagtäglich für Veränderung. Für die Rechte von Frauen. Für die Rechte von Menschen.

Dina ist zweiunddreißig Jahre alt, doch die Stärke in ihrer Stimme und die imposante Intelligenz, die durch ihre dunklen Augen blitzt, vermitteln den Eindruck, als hätte sie ein bedeutend längeres Leben hinter sich. Maritza ist siebenunddreißig, und die Sanftheit und Güte in ihrer Stimme verbreitet Wohlbefinden und Sicherheit im Raum. Beide arbeiten für Federh – Fe y derechos humanos (“Glaube und Menschenrechte”), eine kleine Organisation in Puno, die seit ihrer Neugründung und Emanzipation von der kirchlich-institutionellen Kontrolle im Jahr 2002, von großen Geldgebern unabhängig geblieben ist. Diese Ungebundenheit erlaubt es ihnen, eine Anlaufstelle für alle Menschen zu sein, unabhängig von der Art ihrer Probleme und ihrer Religionszugehörigkeit. Ihre Arbeit in der Region teilt sich in zwei Bereiche, die in der gleichnamigen Hauptstadt Puno von Dina und Maritza geleitet werden. Maritza, die Lehrerin von Beruf ist, leitet die Bildungsabteilung, deren Aufgabe es ist, die Menschen in Puno, über ihre Rechte aufzuklären, damit sie wissen, dass sie sich gegen gewisse Zustände tatsächlich wehren können und dürfen. Diese Arbeit stützt auf Workshops, öffentlichen Events und friedlichen Demonstrationen, wie farbenfrohe Märsche auf den Straßen in der Stadt und auf dem Land. Auf der anderen Seite leitet Dina, die Anwältin ist, die Rechtsabteilung. Diese übernimmt tatsächliche Gerichtsfälle, meist von Menschen, die sich sonst keinen Anwalt leisten könnten. Ein weiteres Büro Federhs befindet sich in Juliaca, wo die junge Anwältin Laura, sowie die Psychologiestudentin Katterine die leitenden Rollen übernehmen. “Wir sind hier, um für das Gemeinwohl zu kämpfen. Bestimmt nicht aus finanziellen Gründen, sonst wären wir, glaube ich, alle schon gegangen”, erzählt Dina und lacht. “Unsere Motivation ist etwas sehr persönliches. Ein Gemeinschaftsprojekt, in das wir alle verwickelt sind.” Die Menschenrechte, die von Federh verteidigt werden, betreffen in den meisten Fällen Frauen. Das Ziel ist, Gewalt ihnen gegenüber zu reduzieren, und ihnen Freiheit zu geben, damit sie sich als Menschen individuell entfalten zu können, ohne Angst vor den Konsequenzen haben zu müssen.

Während die erhobenen Stimmen und Banner von Ni una menos vor allem die Regierungen Lateinamerikas dazu aufrufen, Verantwortung zu übernehmen, glaubt das Team Federhs fest daran, dass auch von einer kleinen Gruppe Menschen ausgehend, auf kultureller Ebene etwas verändern werden kann. Denn, so sind sich Dina und Maritza einig: es geht hier um ein kulturelles Problem. Und unsere Kultur gestalten, erfinden und verändern wir alle gemeinsam. “In Puno herrscht eine Ungleichheit zwischen Mann und Frau. Der Machismo ist hier ein vorwiegendes Problem”, erzählt Maritza. Edwin, der Direktor Federhs, der mit seiner positiven Energie und fröhlichen Art die beiden Büros zusammen hält, berichtet: “Eine Frau hat mir einmal erzählt, dass ihr Mann sie schlägt. Wirklich schlimm daran war, dass sie es erzählte, als wäre es etwas ganz normales. Sie meinte, es wäre gut so, denn ihr Mann würde sie ‘korrigieren’. Ich habe daraufhin ihren Mann gefragt: ‘und wer korrigiert dich?'”

Die Normalität, dass Frauen weniger wert seien als Männer, ist in Puno, so erzählen Dina, Maritza und Edwin, auf vielen Ebenen sichtbar: Frauen gehen auf der Straße meist hinter ihren Männern. Sie bitten oft um Erlaubnis, sprechen zu dürfen. Die Geburt eines männlichen Nachfolgers wird gefeiert, die eines Mädchens als Bürde betrachtet. In dieser Kultur, die in und von den einzelnen Familien gelebt wird, ist auch die Gewalt gegen Frauen – die oft ein Todesurteil für sie bedeutet- etwas relativ normales. Etwas, dass immer schon so war, und darum gerechtfertigt ist. Kinder hier wachsen mit dieser Ungleichheit auf. Sollte dieses Bild nicht geändert werden, wird es irgendwann an die folgende Generation weitergegeben. “Besonders verheerend ist es in ländlichen Gebieten. In den Städten sind die Frauen gebildeter. Das heißt nicht, dass es in der Stadt keine Gewalt gibt, aber die Frauen sind sich des Problems öfter bewusst, und das ist bereits ein Anfang”, kommentiert Dina.

Damit es erst gar nicht zu Gerichtsprozessen kommen muss, in denen Frauen idealerweise für die erlittene Gewalt entschädigt werden, liegt für Dina und Maritza der wichtigste Aspekt ihrer Arbeit in der Bewusstseinsschaffung, sowie in der Erziehung zu Friede und Respekt. Damit es erst gar nicht zur Gewalt kommt. „Unser Ziel ist es, Frauen ihre Rechte zu vermitteln, da ihnen meist gar nicht bewusst ist, dass sie die gleichen Rechte wie Männer haben,“ erklärt Maritza. „Es geht vor allem auch darum, ihr Selbstwertgefühl zu stärken, damit sie Entscheidungen für sich selbst treffen können. Wer Gewalt erlitten hat, hat wenig Selbstwertgefühl. Wir müssen ihnen vermitteln, dass sie einzigartig und wertvoll sind. Wir brauchen demokratische und empathische Frauen, die in der Lage sind, auch anderen Frauen zu helfen.“

Die öffentlichen Workshops und Veranstaltungen ermöglichen oft die erste Begegnung zwischen Federh und Menschen, die Hilfe und konkret Rechtsvertretung brauchen. Oft dauert es jedoch lange Zeit, bis sie den Mut ergreifen, mit Dina und Maritza über ihre Lage zu sprechen. “Angst und Scham sind ein überwiegendes Problem”, erzählt Maritza. “Oft verstecken sich die Frauen hinter erfundenen Geschichten. Sie bitten um Rat, behaupten aber es ginge um jemand anderen, eine Freundin, die Nachbarin, die Kusine.” Für Dina und Maritza ist es wichtig, dass sich die Menschen darüber bewusst sind, wie lange und kraftraubend tatsächliche Gerichtsprozesse sind. Die Entscheidung zu einer Anzeige muss daher ausdrücklich und mit Klarheit erfolgen. Wenn es schließlich soweit kommt, werden viele davon dennoch oft abgebrochen, aus Angst vor den Familien und den Konsequenzen einerseits, aber auch weil manche Fälle im korrupten Familiengericht einfach so verschwinden. „Vor allem in schwerwiegenden Fällen haben die Frauen oft zu viel Angst, etwas konkretes zu unternehmen. Ich habe gerade zwei Fälle, in denen bereits geklagt wurde und meine Klientinnen danach nicht mehr zurückgekommen sind,” berichtet Dina. „Viele glauben auch nicht an das gleiche Recht für alle. Es gibt hier sehr viel Korruption und die Menschen glauben daher nicht, dass sie in diesem System gewinnen können.“

Dina und Maritza glauben fest daran, dass etwas verändert werden kann, und auch schon bewegt wurde. „Irgendjemanden erreichen wir immer. Von den vierzig Leuten, zu denen wir sprechen, hören uns drei vielleicht wirklich zu und verändern etwas in ihrem Leben. Mit einem kleinen Anstoß – einem kleinen Sandkorn vielleicht – leisten wir einen Beitrag zur Reflexion,” ist sich Maritza sicher. “Für die Menschenrechte zu kämpfen bedeutet vor allem konkret sein, und die Menschen aus der nächsten Nähe begleiten”, fügt Dina hinzu. “Wir sind nicht nur Anwältinnen, Workshopleiterinnen oder organisieren Märsche. Wir versuchen die Menschen auf einer persönlichen Ebene zu erreichen.” Dina betont zudem die Wichtigkeit der Vernetzungen mit anderen Organisationen und Bewegungen, sowohl national als auch international. Denn nur in Zusammenarbeit und mit Zusammenhalt, sowie mit gemeinsamen Zielen, kann Großes bewirkt und die Welt von morgen geschaffen werden. Die Kraft, die große Bewegungen gemeinschaftlich zur Änderung von noch größeren Systemen aufbringen, beginnt oft schon in ganz kleinem Kreise.

In Lateinamerika bewegt sich etwas. Und sei es auch nur ein kleines Sandkorn.

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